Über die Heidenmauer zum Wurstmarkt

Erst steil und mit Gemecker, dann stand das Riesenrad am Horizont

  • Strecke 7,3 km
  • Aufstieg 230 hm
  • Gehzeit 2:12 h
  • Schwierigkeit mittel

Route auf komoot →

Losgegangen sind wir mittags in Grethen, am unteren Rand von Bad Dürkheim, und das erste Stück ist gleich das steilste der ganzen Tour: ein schmaler Pfad, der ohne Kehren den Hang hinaufzieht, Laub, Wurzeln, loser Sand. Genau dort fing das Gemecker an. Wer mit sieben Jahren eine halbe Stunde bergauf läuft und dabei nichts passiert, sagt das auch, und zwar deutlich. Ein entwurzelter Kiefernstamm, der quer über dem Pfad liegt, hat kurz geholfen. Mehr aber nicht.

Oben am Waldrand steht dann etwas, womit man auf einer Familienrunde nicht rechnet: eine Pyramide aus rotem Sandstein, ein paar Meter hoch, eingefasst von niedrigen Steinen. Über der Tafel steht in großen Buchstaben „Nie wieder Krieg“, darunter „Seinen Gefallenen“, ein Eisernes Kreuz, die Jahreszahlen 1914 und 1918 und zwei Dutzend Namen. Ganz unten steht, wer das Denkmal gesetzt hat: der „Arb. Gesang- u. Turnverein Freiheit Grethen“. Gefallenendenkmäler tragen sonst andere Sätze. Dieses hier haben Leute aufgestellt, die den Krieg gerade hinter sich hatten, und sie haben das Wichtigste nach oben geschrieben. Wir sind eine Weile stehengeblieben und haben erklärt, was da steht. Das ging besser, als ich gedacht hätte.

Danach wird der Weg flach, und der Wald öffnet sich zu einer trockenen Heidefläche mit Kiefern am Rand — mitten drauf ein Gestell aus Ästen, das jemand vor uns zusammengestellt hat. An einer Kiefer hängen dann zwei Schilder übereinander: ein grünes „Zur Heidemauer“ und darunter ein handgeschriebener Zettel mit einem Pfeil, der auf den Ritterstein zeigt, „wenige Meter“. Ohne die beiden würde man vorbeilaufen.

Die Heidenmauer ist nämlich keine Mauer, die man als solche erkennt. Was da neben dem Pfad liegt, sieht aus wie ein bemooster Wall aus Steinbrocken, mehr nicht. Tatsächlich ist es ein keltischer Ringwall auf dem Kästenberg, angelegt in der späten Hallstatt- und frühen Latènezeit, also um 500 vor Christus. Der Wall zieht sich über rund zweieinhalb Kilometer und schließt eine Fläche von etwa fünfundzwanzig Hektar ein — eine befestigte Siedlung, größer als mancher Ort hier unten im Tal. Der Ritterstein Nr. 280 sagt dazu nur zwei Zeilen: „Heidenmauer — Hallstatt-Latène-Zeit“. Für ein Kind ist der beste Satz der: Auf diesen Steinen sind Leute herumgelaufen, als es Bad Dürkheim noch lange nicht gab.

Ein Stück weiter östlich bricht der Wald plötzlich ab, und man steht über einer Steilkante mit dem ganzen Bad Dürkheim unter sich: Dächer, Kirchtürme, dahinter die Rheinebene bis zum Horizont, an diesem Tag unter einem sehr dunklen Himmel. Die Kante ist kein Naturfelsen. Es ist der Kriemhildenstuhl, ein römischer Steinbruch — senkrechte Wände, waagerechte Absätze, dazwischen quadratische Löcher im Fels. Gebrochen haben hier Soldaten der 22. Legion, der Legio XXII Primigenia, um 200 nach Christus, und sie haben Inschriften und Reliefs in den Wänden hinterlassen. Der Bruch gilt als einer der besterhaltenen römischen Steinbrüche nördlich der Alpen. Aus Kindersicht ist er vor allem eine sehr große Treppe für sehr große Leute. Gleich daneben steht eine gemauerte Nische mit Tonnengewölbe und einem runden Steintisch darin; da haben wir gesessen.

Der Abstieg führt durch die Gärten oberhalb von Grethen, an Schuppen, Holzstapeln und Beeten vorbei, auf denen zwischen abgestorbenem Kraut die Kürbisse liegen — orange, flach, unübersehbar, und für einen Siebenjährigen war ab da wieder Betrieb. Kurz darauf ging es auf einem gepflasterten Weg zwischen Rebzeilen und Bruchsteinmauern weiter, und da stand es dann: ein Riesenrad am Horizont, daneben ein dünner Turm, an dem etwas hochfährt. Ab diesem Moment war von Gemecker keine Rede mehr. Die restlichen Kilometer sind wir eher gezogen worden, als dass wir sie gegangen wären.

Der Dürkheimer Wurstmarkt ist kein Dorffest. Er wird seit 1417 abgehalten und gilt als das größte Weinfest der Welt: ein Festplatz auf den Brühlwiesen, dicht an dicht Schausteller, Weinstände und Buden, dazwischen so viele Leute, dass man ein Kind an der Hand behält. Über allem hängt ein Kettenkarussell in dreißig Metern Höhe, und über dem Kettenkarussell hing an diesem Nachmittag eine Wolkenwand, die aussah, als würde es jeden Moment losgehen. Es ging nicht los. Wir sind eine ganze Weile geblieben.

Zurück ging es nicht auf demselben Weg. Oberhalb der Häuser steht ein schlichter Sandsteinpfeiler mit einer Tafel: „Joh. Wolfgang von Goethe, zur Erinnerung an den 100. Todestag, 22. März 1932“. Ein paar Schritte weiter ist eine Bank mit Blick über das Tal, und drüben auf dem Hügel liegt die Klosterruine Limburg, von hier aus klein und komplett: Mauerkasten, hohe Rundbogenfenster, der Stumpf des Turms. Unterwegs kam noch ein Apfel dazu, aufgesammelt am Wegrand und aufgeschnitten: außen rötlich, innen weiß mit einem roten Kern in der Mitte. Was für eine Sorte das war, wussten wir nicht. Gegessen wurde er trotzdem. Dann eine lange Steintreppe abwärts, und unten der Weiher an der Isenach mit der Straßenbrücke darüber, an dem die Runde ausläuft.

Auf dem Papier sind es 7,3 Kilometer, 230 Höhenmeter und gut zwei Stunden reine Gehzeit; komoot stuft die Runde als mäßig ein. Unterwegs waren wir den halben Tag. Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Die erste halbe Stunde war anstrengend für alle Beteiligten, und ohne das Ziel am Ende wäre sie vermutlich schiefgegangen. Mit dem Ziel am Ende ist sie eine der Touren, von denen zu Hause am meisten erzählt wurde.

Was wir gelernt haben

  • Ein Ziel, das man vom Weg aus sieht, zieht besser als jedes Zureden. Das Riesenrad taucht erst auf den letzten anderthalb Kilometern auf — wer den Wurstmarkt vorher schon ankündigt, hat die Strecke davor trotzdem ohne Hebel hinter sich zu bringen.
  • Der Anstieg von Grethen aus ist kurz, aber er kommt sofort und ohne Aufwärmen. Wer die Runde andersherum geht, verteilt ihn besser — dann liegt allerdings der Wurstmarkt in der Mitte statt am Ende, und das ist der schlechtere Tausch.
  • Die Heidenmauer sieht man nur, wenn man weiß, dass sie da ist. Der Ritterstein Nr. 280 steht ein paar Meter neben dem Pfad; das grüne Schild und der handgeschriebene Zettel an der Kiefer sind der einzige Hinweis. Vorher kurz erzählen, was ein Ringwall ist, sonst bleibt es ein Haufen Steine.
  • Am Kriemhildenstuhl geht es an einer ungesicherten Steilkante entlang. Der Blick über Bad Dürkheim ist der beste der Tour, und genau dort behält man ein Kind besser in Reichweite.
  • Der Wurstmarkt findet im September an zwei Wochenenden statt. Am frühen Nachmittag ist es auf dem Platz noch übersichtlich; wer später kommt, kommt in das Gedränge, das dieses Fest berühmt gemacht hat.
  • Start und Ziel liegen in Grethen, also im Ort. Wer mit dem Auto anreist, stellt es besser an einem der Parkplätze in Bad Dürkheim ab und läuft die paar Minuten — am Wurstmarktwochenende ist im Ort ohnehin kein Platz.

← Alle Touren